Die Lage in Tigray ist Anfang 2026 wieder hoch angespannt: Der Friedensprozess nach dem Krieg 2020–2022 steckt fest, es gibt neue Gefechte, massive Truppenbewegungen und eine dramatische humanitäre Notlage mit Hungerkrisen und Vertreibungen.
Politische und militärische Situation
- Der Waffenstillstand des Pretoria-Abkommens von 2022 hat den Krieg gegen Tigray beendet, aber zentrale Konfliktfragen – Gebietsstatus von West- und Südtigray – sind ungelöst geblieben und belasten den Prozess. Viele Tegarus (so bezeichnen sich Menschen aus Tigray selbst) sind Binnenflüchtlinge und können nicht in ihre Heimatregion zurück.
- Seit Januar/Februar 2026 häufen sich wieder Zusammenstöße zwischen der äthiopischen Armee Ethiopian National Defense Force (ENDF) und Tegaru Kräften Tigray Defense Forces (TDF) in Grenzgebieten, unter Einsatz von Drohnen, Artillerie und schweren Waffen.
- Beobachter berichten von umfangreichen Truppenaufmärschen der ENDF rund um Tigray; manche Quellen sprechen davon, dass die Region faktisch „eingekreist“ sei, was die Sorge vor einem erneuten großen Krieg nährt.
- Innerhalb Tigrays gibt es zudem einen Machtkampf zwischen verschiedenen Tegaru Fraktionen, der zu weiterer Destabilisierung führt.
Rolle Eritreas und regionale Spannungen
- Eritrea bleibt ein entscheidender Akteur: Addis Abeba wirft Asmara vor, Tegaru Kräfte zu unterstützen, während Tegaru Akteure ihrerseits vor einem möglichen gemeinsamen Vorgehen Äthiopiens und Eritreas warnen.
- Viele Szenarien für einen erneuten größeren Krieg sehen Tigray erneut als Hauptkriegsschauplatz.
Humanitäre Lage
- Die Bevölkerung leidet unter extremer Nahrungsmittelknappheit: Schätzungen zufolge brauchen bis zu rund 80 Prozent der Menschen in Tigray dringend Lebensmittelhilfe. Gleichzeitig sind internationale Hilfen stark gekürzt worden.
- Berichte schildern ganze Gemeinden, in denen Menschen an Hunger sterben; lokale Behörden und Hilfsorganisationen sprechen von „stillen“ Hungertoten und überlasteten oder geschlossenen Versorgungseinrichtungen.
- Die Kämpfe 2020–2022 hatten bereits etwa zwei Millionen Menschen vertrieben; viele leben weiterhin als Binnenvertriebene mit sehr begrenztem Zugang zu Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und Schutz.
- In Tigray sind Banken und Flüge durch die Zentralregierung stark eingeschränkt. Damit kommt faktisch der Bargeldverkehr zum Erliegen.
- Das Haushaltsbudget für das Bundesland Tigray wird seit Ende 2025 ausgesetzt. Konten von Tigray Unternehmen werden eingefroren notwendige Mittel für den Wiederaufbau fehlen.
Perspektiven
- Internationale Akteure wie Afrikanische Union, UN und diverse Vermittler rufen zu Deeskalation und einer Wiederbelebung des Pretoria-Prozesses auf, bislang jedoch mit begrenzter Wirkung.
- Ohne verlässliche politische Vereinbarungen zu strittigen Gebieten sowie eine deutliche Ausweitung der humanitären Hilfe warnen Analysten vor einem möglichen Rückfall in großflächigen Krieg und weiterer Destabilisierung des Horns von Afrika.
